Samstag, 29. März 2008 15:12

Personenindividualverkehr findet in der westlichen Welt vor allem mit Personenkraftwagen statt. Mit Autos. Warum ist das so? Auf den ersten Blick, für Außerirdische, könnte es verwirrend sein. Was für ein Aufwand da getrieben wird! Um Auto zu fahren, müssen wir fahren lernen. Ein Auto kaufen, es versichern. Wir müssen es tanken und zur Inspektion bringen. Andere Leute haben uns lange Straßen gebaut und reparieren sie regelmäßig. Wir müssen allerlei Pedale und Hebel bedienen, lenken und Schulterblick machen. Wir achten auf den Weg und andere Autos, lesen Karten, verfahren uns. Schließlich stehen wir im Stau. Es riecht nach Abgasen. Kommen wir los und doch noch an, suchen wir einen Parkplatz. Für unser Auto.
Warum also steigen wir nicht in einen Zug oder in die Straßenbahn? Die funktionieren ohne unser Zutun, finden alleine den Weg. Unterwegs haben wir Kopf und Hände frei. Und nach dem Aussteigen müssen wir uns keine Sorgen mehr um sie machen.
Ich habe schon viele Artikel gelesen, die eine Antwort auf diese Frage gegeben haben, und kenne natürlich auch selbst viele Gründe. Wir sind mit dem Auto oft schneller. Es ist einfacher, Gepäck zu transportieren – mühelos hat man den halben Hausstand dabei. Es ist unter Umständen billiger. Man kommt direkt ans Ziel, nicht nur in die Nähe. Es sei denn, das mit dem Parkplatz klappt wieder nicht.
Die beste Antwort, die ich bis jetzt gehört habe, stammt jedoch von einer Filmfigur. Sie ist von Jack Sparrow, dem derangierten Piratenkapitän aus „Fluch der Karibik“, der gar keine Frage beantworten, sondern eine Frau rumkriegen will. Er versucht, gestrandet, rumbeseelt, mit dem Blick auf Meer und Sonnenuntergang der schönen Miss Swann zu erklären, was es für ihn bedeutet, sein verlorenes Piratenschiff:
„What a ship is – what the ‚Black Pearl’ really is – is freedom.”
Ich denke, das ist es. Ein Schiff – ein Auto – bedeutet Freiheit. Die eben genannten Vorteile spielen alle eine Rolle – aber eine Nebenrolle. Denn wenn es um eine nüchterne Vorteilsabwägung ginge, kämen auch Zug und öffentlicher Nahverkehr nicht schlecht weg. Eigentlich geht es aber nicht um Vorteile. Es geht um Gefühle.

Um sich klarzumachen, wie sehr es eine Frage von Gefühlen ist, möge man sich die Wut in Erinnerung rufen, die man fühlt, wenn der Bus, auf den man wartet, eine Viertelstunde später kommt. Gerade wenn man es eilig hat! Oder die Anspannung, wenn der Zug, in dem man sitzt, auf offener Strecke stehenbleibt. Nach ein langen Minuten eine Ansage: „Wegen einer Störung im Betriebsablauf …“. Empörtes Murmeln. Handys werden gezückt. Typisch! Und welches Aufatmen überall, wenn es anscheinend Ewigkeiten später weitergeht.
Natürlich ärgert man sich auch über Stau auf der Autobahn. Aber es scheint eine andere Qualität von Ärger zu sein – er ist viel schneller vergessen. Und jede und jeder nimmt es verständnisvoll in Kauf, wenn man sich mit dem Auto ein Viertelstündchen verspätet. Klar, der Verkehr! Am wenigsten kümmert es Fahrer oder Fahrerin.
Der Bahn jedoch verzeiht man nie.
Vielleicht ist die Ursache dafür, dass man im Auto, mit den Händen am Lenkrad, das Gefühl der Kontrolle hat – von Freiheit. Im Zug oder an der Bushaltestelle ist man dagegen einer höheren Macht ausgeliefert, einem System, das man nicht kennt und nicht beeinflussen kann. Man weiß nicht, warum der Bus nicht kommt, oder warum der Zug stehenbleibt. Dieses Gefühl von Hilflosigkeit ist es, das dafür sorgt, dass sich der Ärger über Bus und Bahn so viel besser hält. (Die Kommunikationsgepflogen- heiten der Deutschen Bahn tun natürlich ein Übriges.)
Der Rest ist Psychologie. Ich habe anfangs versucht zu beschreiben, was für einen großen Aufwand wir für das Gefühl von Freiheit treiben, dass uns das Auto gibt. Wenn wir nun zugäben, dass wir mit dem Auto vielleicht doch nicht schneller sind? Dass von Freiheit im Stau keine Rede mehr sein kann? Dass es, wenn man nachrechnet, vielleicht doch teurer ist? – Hieße das nicht, dass wir den ganzen Aufwand umsonst getrieben haben? Ärgerlicherweise tun sich Menschen mit genau diesem Zugeständnis sehr schwer, wie die Psychologen Kahneman und Tversky herausgefunden haben. Die Angst vor Verlusten – loss aversion – motiviert uns unverhältnismäßig stärker als der Aussicht auf Gewinn. Daher neigen wir dazu, den Wert einer Sache zu überschätzen, für deren Erreichen wir viel Energie aufbringen mussten.
Aber es gibt Hoffnung. Wie Kahneman und Tversky ebenfalls beschreiben, kommt es eigentlich nur darauf an, wie ein Problem beschrieben wird (siehe imverlinkten Artikel den Abschnitt „An alternative example“). Statt die Vorteile des Bahnfahrens anzupreisen, wäre es besser, die Nachteile des Autofahrens zu schildern. Was verlieren wir, wenn wir so weitermachen? Unsere letzte Erde, würde ich sagen.
Wäre da nicht das Gefühl von Freiheit. Auch wenn mein Eindruck ist, dass sich mit ein bisschen Nachdenken als Bahnfahrer genauso frei fühlen kann wie als Besitzer eines Blechkastens, wäre es doch schön, das spontane, persönliche Herumfahren nicht ganz aufgeben zu müssen. Über spannende Alternativen zu den heutzutage erhältlichen Blechkästen das nächste Mal.